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André Brie, 19.
September 2006, Beitrag für das "Dresdner Blättl"
Die EU und der 3. Oktober 1990
Als im November 1989 die Berliner Mauer
fiel, trat das Europäische Parlament zu einer feierlichen Sondersitzung
zusammen, und der 3. Oktober 1990 wurde von vielen europäischen Politikern
natürlich ebenso als ein Festtag angesehen. Es war damals und später, so
beim Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder zur EU am 1. Mai 2004
auch oft die Rede von der "Wiedervereinigung Europas". Wann denn zuvor
Europa schon einmal vereinigt gewesen sein soll, darf man lieber nicht
fragen. Aber das ist ein anderes Problem. Ein Europa ohne Grenzen,
geschweige denn Mauern, das war und ist für Viele eine großartige Vision,
deren Verwirklichung sie sich 1990 nahe fühlten.
Die Realität hat Europa aber in jeder
Hinsicht eingeholt. Nicht nur, dass ich immer wieder, erst vor einer Woche
in Helsinki, ungläubig danach gefragt werde, warum die ostdeutsche
Wirtschaft trotz Hunderte Milliarden Euro Transferleistungen aus dem
Bundeshaushalt und aus der Europäischen Union nicht zu einer selbst
tragenden Entwicklung und zur Überwindung der horrenden
Massenarbeitslosigkeit in der Lage sei. Nicht nur, dass das Thema der
deutschen Vereinigung kaum noch eine öffentliche Rolle im EU-Europa
spielt. Nicht nur, dass in den Debatten, die wir mit südkoreanischen
Politikern haben, vor solcher Art von Vereinigung gewarnt wird. Europa hat
vor allem das damals gefeierte und verkündete Ziel aufgegeben, Mauern zu
beseitigen. Mit dem Schengenabkommen haben wir bürokratische und
juristische Mauern errichtet, mit der europäischen Visapolitik werden
Reiseverkehr, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit mit Russland,
der Ukraine und anderen europäischen Staaten außerhalb der EU massiv
erschwert, mit der europäischen Asylpolitik wird EU-Europa zur Festung
gegen Flüchtlinge aus den Konflikt- und Armutsgebieten des Südens gemacht,
und am folgenschwersten versucht die europäische Handels-, Wirtschafts-
und Landwirtschaftspolitik, den Halbkontinent gegen die - im übrigen
vielfach hier verursachten Katastrophen der Welt - abzuschotten.
Es ist eine gefährliche Politik, die
gegenwärtig vor allem die Not und die Katastrophen im Süden der Erde
verschärft, wie jede Mauer aber nicht nur vergeblich sein wird, sondern
die Veränderungsnotwendigkeit und -fähigkeit der Europäischen Union akut
bedroht. Lernen aus dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen
Vereinigung könnte man immer noch. Aber man will es wohl nicht. |
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